Hintergrund

macOS Tahoe & Apples Design-Leitlinien

Apples jüngste System-Updates sorgen nicht nur für Diskussionen, sie ignorieren auch frühere Empfehlungen.

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Im Jahr 1987 veröffentlichte Apple offiziell ein Entwicklerhandbuch, das visuell konsistente Apps fördern sollte. Der Konzern aus Cupertino nannte es „Human Interface Guidelines: The Apple Desktop Interface“ und legte damit den Grundstein für Apples Prinzipien interaktiven Designs. Verfasst wurde es vom Designer und Ingenieur Bruce Tognazzini, der bereits 1978 mit der Ausarbeitung begonnen hatte. Das Dokument erklärte die Hintergründe jeder Designentscheidung und stellte Konsistenz ins Zentrum. Seine grundlegenden Prinzipien gelten bis heute als relevant.

Die „Macintosh Human Interface Guidelines“ (1992) empfehlen ausdrücklich die Verwendung einfacher, übersichtlicher Menüs.
Die „Macintosh Human Interface Guidelines“ (1992) empfehlen ausdrücklich die Verwendung einfacher, übersichtlicher Menüs. (Bild: Apple)

Im Laufe der Jahre hat Apple Entwickler weiter angeleitet. 1992 veröffentlichte das Unternehmen die „Macintosh Human Interface Guidelines“, die sich auf die Mac-Produktreihe konzentrierten. 1995 folgte eine überarbeitete Ausgabe. Heute finden sich die Human Interface Guidelines (HIG) online bei Apple im Entwickler-Bereich. Sie sollen Entwicklern weiterhin helfen, „ein großartiges Erlebnis für jede Apple-Plattform zu gestalten“.

Und dennoch wird Apple vorgeworfen, mit der Einführung von macOS 26 (Tahoe) gegen die eigenen Design-Leitlinien zu verstoßen. Mit dem Wechsel zu Liquid Glass scheinen frühere, klar formulierte Vorgaben über Bord geworfen oder ignoriert worden zu sein. Das sorgt für Inkonsistenzen, Verwirrung und teils mangelnde Übersichtlichkeit. Unter Designern überwiegt daher die Einschätzung, dass macOS Tahoe tatsächlich misslungen ist.

Die Prinzipien in Apple Human Interface Guidelines stellen Hierarchie, Harmonie und Konsistenz in den Mittelpunkt – doch die Realität von macOS Tahoe bleibt dahinter teilweise zurück.
Die Prinzipien in Apple Human Interface Guidelines stellen Hierarchie, Harmonie und Konsistenz in den Mittelpunkt – doch die Realität von macOS Tahoe bleibt dahinter teilweise zurück. (Bild: Apple)

Tahoe-Probleme

Nikita Prokopov, ein Softwareentwickler mit starkem UI/UX-Hintergrund, hat eines der Hauptprobleme von macOS Tahoe auf seinem Blog tonsky.me detailliert analysiert. Er kritisiert vor allem die Entscheidung, nahezu jeden Menüeintrag mit einem Icon zu versehen – und sieht darin einen klaren Widerspruch zu Apples eigenen Richtlinien von 1992. Damals betonte Apple zwar die Bedeutung von Symbolen („Icons funktionieren in der Macintosh-Oberfläche effektiv als Repräsentationen von Computerobjekten“), warnte jedoch zugleich: „Icons brauchen einen Kontext, um erfolgreich zu kommunizieren.“ Zudem sollten „Icon-Elemente konsistent verwendet“ werden. Vor einer Überfrachtung mit komplexen Symbolen wurde ausdrücklich gewarnt, ebenso davor, „beliebige Symbole in Menüs zu verwenden, da sie Menschen verwirren können“. Und was zeigt sich nun in macOS Tahoe?

Das Apple-Menü liefert ein gutes Beispiel. Neben dem Text jedes Menüeintrags steht links ein Icon, und auf den ersten Blick wirkt das sogar hilfreich. Wie Apple 1992 schrieb, erkennen und verstehen Menschen Bilder oft schneller als verbale Darstellungen. Es gibt sogar ein Phänomen namens „Picture Superiority Effect“, dem zufolge sich Menschen Bilder besser merken und schneller wiedererkennen als Wörter.

Die Quadratur des Kreises

Die glasartige Optik von macOS Tahoe hat bei vielen Nutzern Erinnerungen an Windows Vistas viel kritisiertes Aero-Design aus dem Jahr 2007 geweckt. Parallelen sind erkennbar: Schon Vista setzte auf abgerundete Fenster, in Tahoe fallen die Rundungen teils noch deutlicher aus. Apple hat in macOS 26.1 nachgebessert, dennoch wünschen sich manche Anwender wieder klarere, kantigere Formen.

Auch die App-Symbole stehen in der Kritik. Tahoe zwingt sie in ein einheitliches „Squircle“-Raster und verbannt ungewöhnliche Formen. Howard Oakley von der Eclectic Light Company meint, Apps ließen sich dadurch „in einem überfüllten Dock schwerer unterscheiden“. Zudem stoßen einzelne Neugestaltungen auf Unverständnis – etwa das neue Preview-Icon.

Alle App-Symbole erscheinen nun in „Squircles“, also abgerundeten Quadraten, und wirken dadurch stärker wie unter iOS und iPadOS.
Alle App-Symbole erscheinen nun in „Squircles“, also abgerundeten Quadraten, und wirken dadurch stärker wie unter iOS und iPadOS. (Bild: Screenshot)

Und nicht nur macOS sorgt für Diskussionen: In iPadOS 26 missfallen die neuen Fenster-Apps. Die roten, gelben und grünen Tasten oben links liegen teils sehr nah an Bedienelementen wie Seitenleisten oder Zurück-Buttons – Fehleingaben inklusive.

Prokopov argumentiert jedoch, dass Nutzer deutlich mehr Aufwand haben, wenn wirklich jeder Eintrag ein Icon trägt: Dann müssen sie die Liste Punkt für Punkt durchgehen und erst entschlüsseln, wofür jedes Symbol steht. „Wenn alles ein Icon hat, sticht nichts mehr hervor“, stellt er fest.

Früher sah Apple das ähnlich: In den Human Interface Guidelines zu Mac OS X 10.5 („Leopard“, 2007) warnte Apple, dass zu viele – oder schlecht gemachte – Icons Menüs überladen und schwer lesbar machen. Die heutige HIG klingt gegenteilig und empfiehlt, Menüaktionen mit vertrauten Icons zu versehen und dafür systemweite Symbole konsistent zu nutzen. Genau daran scheitert Tahoe jedoch zum Teil: Apple verwendet nicht überall dieselben Icons, wodurch die Symbolflut eher verwirrt als hilft.

Schwindelerregende Entscheidungen

Es wirkt regelrecht schockierend, wie viele unterschiedliche Symbole Apple inzwischen für nahezu dasselbe Konzept verwendet. Prokopov nennt als Beispiel den Menüpunkt „Neu“ – also „Neue Notiz“, „Neues Finder-Fenster“, „Neuer Eintrag“, „Neue Liste“ und „Neue Erinnerung“ – und stößt dabei auf nicht weniger als zwölf Icon-Varianten. „Zugegeben, manche davon stehen für unterschiedliche Aktionen“, räumt er ein und gibt Apple damit etwas Spielraum. Doch dann schaut er sich die Symbole für „Neuer Eintrag“, „Neu“, „Neue Erinnerung“ und „Neue Notiz“ in verschiedenen Apple-Apps an und stellt fest: Mal ist es ein Plus, mal steckt das Plus in einem Quadrat, mal sitzt es in einem Kreis – und einmal fehlt das Plus komplett und wird durch ein Quadrat ersetzt, aus dessen Ecke ein Stift herausragt.

Solche Inkonsistenzen summieren sich – ein Blick in den Blogbeitrag zeigt, wie erstaunlich viele es sind. Für „Minimieren“ existieren in Apple-Apps drei unterschiedliche Symbole, für „Löschen“ zwei und für „Schließen“ ebenfalls zwei. Auch Begriffe variieren: „Suchen“ heißt mal „Finden“, mal „Suchen“ oder – wie in Apple Music – „Filterfeld anzeigen“. Selbst innerhalb derselben App gibt es Abweichungen: In „Fotos“ erscheint das Info-Symbol im Menü als schlichtes „i“, in der Symbolleiste dagegen als „i“ im Kreis.

Ist macOS Tahoe zu retten?

Interface-Designer und Erfinder der Auszeichnungssprache Markdown John Gruber kritisiert die Menü-Icons in macOS Tahoe scharf. Auf seinem Blog Daring Fireball schrieb er: „Das mag übertrieben klingen, aber diese Änderung ist der Grund, warum ich mich entschieden habe, nicht auf macOS 26 Tahoe zu aktualisieren.“

Das Liquid-Glass-Design lässt sich nicht deaktivieren, aber du kannst die visuellen Effekte reduzieren.
Das Liquid-Glass-Design lässt sich nicht deaktivieren, aber du kannst die visuellen Effekte reduzieren. (Bild: Screenshot)

Die Icons in den Menüs lassen sich derzeit nicht entfernen. Solltest du dennoch aktualisieren, kannst du zumindest den Liquid-Glass-Effekt abschwächen. Öffne in den Systemeinstellungen „Bedienungshilfen > Anzeige“ und aktiviere „Transparenz reduzieren“. Die Menüleiste wird undurchsichtig. Zusätzlich kannst du den Kontrast erhöhen, um Bedienelemente klarer hervorzuheben.

Wenn du „Transparenz reduzieren“ deaktiviert lässt, wähle in „Erscheinungsbild“ die deckende Option „Getönt“ statt „Liquid Glass“. Unter „Schreibtisch & Dock“ kannst du außerdem bei „Widgets auf dem Schreibtisch abdunkeln“ die Option „Nie“ wählen.

Ein klarer Weg nach vorn?

Auch der Webdesigner und Entwickler Jim Nielsen kritisiert Apples schwer nachvollziehbare Entscheidungen rund um Icons. Er weist darauf hin, dass Apple – ähnlich wie Google – Menüs mit Symbolen überlädt. „Für mich ist das zusätzlicher Lärm“, sagt er. „Ich halte nichts davon, jedem Menüeintrag standardmäßig ein Icon zu geben. Diese Haltung führt dazu, dass Designer denken: ‚Hier muss noch ein Symbol hin‘ – statt zu fragen, ob ein Icon an dieser Stelle wirklich hilft oder die kognitive Belastung beim Erfassen und Verstehen des Menüs eher erhöht.“

Was die Sache laut Nielsen zusätzlich verwirrend macht: Manche Menüs sind vollgepackt mit Icons, andere kommen fast ohne aus. Das Apple-Menü etwa zeigt – wie erwähnt – zu jedem Eintrag ein Symbol, während Safaris Menü nur eine Handvoll davon enthält. Es entsteht der Eindruck, als zerbrächen sich Designer den Kopf, um für jede Option noch ein passendes Icon zu finden. Wechselt man zurück zu macOS 15 (Sequoia) mit seinem weitgehenden Verzicht auf Symbole, wirkt die Oberfläche deutlich aufgeräumter.

Die Kritik von Designern ist so heftig ausgefallen, dass Apple am Ende womöglich eine Option einführt, um die Icons in Menüs wieder auszublenden.
Die Kritik von Designern ist so heftig ausgefallen, dass Apple am Ende womöglich eine Option einführt, um die Icons in Menüs wieder auszublenden. (Bild: Screenshot)

Natürlich darf Apple sein Design weiterentwickeln. Wer heutige Entscheidungen mit HIG-Zitaten aus dem vergangenen Jahrhundert kontert, läuft Gefahr, alte Prinzipien als unverrückbar darzustellen. Apple wollte macOS mit Liquid Glass sichtbar auffrischen – und hat damit bewusst frühere Leitlinien relativiert. Zudem haben sich die Werkzeuge verändert: Statt uneinheitlicher Bitmaps kommen heute SF Symbols zum Einsatz, die sich sauber in die San-Francisco-Systemschrift einfügen und konsistent gestalten lassen.

Doch obwohl Apple betont, das neue System bringe „mehr Fokus auf Inhalte“, empfinden viele den Bruch mit früherer Klarheit als Ablenkung. Stand einst Einfachheit im Mittelpunkt, rückt nun stärker die Inszenierung in den Vordergrund – in der Annahme, diese steuern zu können. Alan Dye sprach davon, macOS Tahoe mache selbst einfache Interaktionen „spaßiger und magischer“. Liquid Glass ist damit Teil einer neuen Designidentität, die neben Bedienbarkeit auch Markenwirkung betont. Wie sich das weiterentwickelt, bleibt spannend.

Sven T. Möller // Layouter & Redakteur
Sven T. Möller

Wenn jemand bei der Mac Life Ordnung ins Chaos bringt, dann ist es Sven T. Möller – und das gleich in doppelter Hinsicht. Als Layouter gibt er jeder Ausgabe ihre unverwechselbare Gestalt, als Redakteur sorgt er dafür, dass Apple-Themen mit der nötigen Tiefe behandelt werden. Sven ist seit Mitte der 2000er Jahre an Bord und damit eines der echten Urgesteine des Teams. Smarthome beschäftigt ihn als Eigenheimbesitzer mit besonderer Ernsthaftigkeit – und gelegentlich auch Frustration. Außerdem ist er mit Leidenschaft Musikhörer, wobei „hören“ bei Sven gerne auch als „beschallen“ interpretiert werden darf: Tests etwa für Bluetooth-Lautsprecher verantwortet er, frei nach dem Motto „je größer und lauter, desto besser“. Sven ist Mitbegründer und Co-Host des Apple-Podcasts Schleifenquadrat.

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